MfG17 – Der Weg ist das Ziel

Einige der Fragen, die sich um den Mainfranken Graveller drehen, versuchen wir im Vorfeld zu beantworten – und haben sie weitergereicht an Jochen, der den Track gerade plant …

 

Die wichtigste Frage vorneweg: Wie weit ist die Planung der Strecke?

Die Strecke ist ziemlich fertig geplant: Einige Abschnitte bin ich selbst in den letzten Wochen abgefahren, andere kenne ich von früheren Fahrten oder Wanderungen. Trotzdem gibt es immer noch einen recht großen Bereich, in dem ich mich bei der Planung auf Dritte verlassen muss – auf Online-Tools (komoot, opentopomap), Rad- und Wanderkarten, Empfehlungen … eine erste Version des Tracks ist ja bereits veröffentlicht, allerdings muss ich für die finale Version doch noch einige Änderungen vornehmen.

 

Fahrerinnen und Fahrer müssen also mit Überraschungen rechnen?

Definitiv – wobei die meisten Überraschungen ja positive sein werden: Tolle Strecken und Orte, die die meisten sicher noch nicht kennen …
Allerdings gibt es auf unbefestigten Wegen auch andere Überraschungen: Was im Sommer nach ein paar eher trockenen Wochen gut fahrbar ist, kann im Herbst, wenn es vorher länger geregnet hat, schon deutlich unangenehmer zu fahren sein. Dazu kommt, dass ich nicht weiss, wann welcher Waldweg frisch aufgeschottert wird, wann ein Harvester an welcher Stelle den Weg völlig unpassierbar gemacht hat oder ob gerade Holzarbeiten stattfinden und ein zentrales Verbindungsstück plötzlich gesperrt ist. Ab und zu wird auch wegen einer Jagd eher weiträumig gesperrt. Aber das sind Faktoren, die ich weder vorhersehen noch beeinflussen kann.

So ist zumindest gewährleistet, dass auch ich noch vom einen oder anderen Abschnitt überrascht werde. 😉

 

Trotzdem wird es einen verbindlichen Track geben …

Natürlich, es muss einen Track geben, um den ortsunkundigen Fahrerinnen und Fahrern – die Meldungen reichen bisher schon von Hamburg bis München – eine Orientierung zu geben. Verbindlich ist allerdings relativ: Wenn ich an ein Wegstück gelange, das nicht mehr befahrbar ist, sei es durch eine Sperrung, sei es durch Wettereinflüsse, dann muss ich mich umorientieren, improvisieren, ein anderes Wegstück finden, das mich auf der generellen Richtung weiterbringt. Dennoch braucht es einen roten Faden, an dem entlang man fahren kann, und an dem entlang auch die wichtigen Punkte des Tracks zu finden sind. Einfach so losfahren kann jede/r, jederzeit – dafür braucht es den Mainfrankengraveller ja nicht.

Der Track besteht auch nicht aus einem ganz neuen Weg, sondern ist eine Aneinanderreihung verschiedener bereits vorhandener Wege, in der Regel Feld- und Waldwege, vereinzelt auch etwas schmälere Wege, die überwiegend von Wanderern frequentiert werden. Zuallererst habe ich mich an offiziellen Radrouten orientiert – die führen in Bayern ja schon mal gerne über Schotterwege –, dann habe ich mir noch das Wanderwegenetz angeschaut, schließlich topografische Karten. Aus all den verschiedenen Informationen konnte ich einen, wie ich meine, recht schlüssigen Rundkurs zusammensetzen – leider nicht mit allen Punkten oder Strecken, die ich gerne im Track gehabt hätte, und ohne Gewähr, dass tatsächlich jeder Meter fahrbar ist.

 

Es ist nicht alles fahrbar?

Definitiv nicht. Es wird ein paar Schiebepassagen geben auf Wegstücken, die teilweise sehr steil sind – aber kurz: Das sind so kleine Kompromiss-Abschnitte, wo ich sage, dass hier die schönen langen Strecken davor und danach es rechtfertigen, das Rad mal für ein paar Meter zu schieben. Das kommt allerdings bewusst nur an ganz wenigen Abschnitten vor. Das ist ja bei fast allen längeren Wegen so, bei Wanderwegen sowieso – irgendwo ist ein kleines Stück, da muss man die Zähne zusammenbeissen und durch, dann ist es auch wieder gut …

Theorie (links) und Praxis (rechts): Im Spessart erwies sich bei der Vorabbefahrung ein Stück als unfahrbar – da muss man dann schauen, wie man weiterkommt … 
© komoot / Openstreetmap

 

A propos Wanderwege: Sind da nicht Konflikte vorprogrammiert zwischen Radfahrern und Wanderern?

Nicht zwingend – aus meiner bisherigen Erfahrung kann ich sogar sagen: Nein, im Gegenteil. Graveller sind m.E. näher am Wanderer als am Mountainbiker, auch wenn manche zum Graveln ein Mountainbike nehmen. Vieles sieht technisch ähnlich aus, aber die Motivation unterscheidet sich doch deutlich: Mountainbikes sind heute voll gefederte Maschinen, mit denen sich wirklich gröbste Strecken bewältigen lassen, oft auch mit Motorunterstützung bergauf – da kann es schon mal vorkommen, dass so ein Fully auf eigentlich schwer fahrbaren Strecken völlig unerwartet um die Ecke kommt, und zwar mit ziemlichem Tempo. Das wird dann, wenn da auch Wanderer zu Fuß unterwegs sind, für alle schnell sehr gefährlich.

Gravelbikes sind oft weder gefedert noch motorisiert, dafür mit mehr Gepäck beladen, als es für ein paar sportliche Stunden im Wald braucht. Graveller sind oft selbst im Wandermodus, fahren nicht so schnell, dafür mehr Kilometer am Tag, und das tagelang … ich würde das Graveln sogar als zeitgemäße Form des Radwanderns bezeichnen. Andere sehen das möglicherweise anders. Bisher hatte ich immer nette Gespräche zwischendurch mit Wanderern – die bepackten Räder sind noch nicht so häufig zu sehen wie etwa Rennräder oder Mountainbikes, da kommen immer auch Fragen. Und dann hat man ja schnell das gemeinsame Lieblingsthema: Die Landschaft, in der man sich gerade befindet, die Plätze, die Tipps …

Ich will hier aber keinen Keil treiben zwischen Graveller und Mountainbiker, oder zwischen irgendwelche sonstigen Interessensgruppen. Das führt zu nichts und wird den meisten Radfahrenden auch nicht gerecht, die oft die Wahl zwischen unterschiedlichen Rädern und Radtypen haben, je nach Lust und Laune bzw. dem geplanten Vorhaben. Und die sich auch verantwortungsvoll verhalten, egal, wo sie gerade langfahren. Nur einige wenige meinen, im Wald würden keine Regeln und Gesetze mehr gelten, und benehmen sich nicht wirklich gut – aber deren Fehlverhalten sollte nicht pauschal ganze Gruppen in Misskredit bringen. Das hat ein österreichischer Journalist mal gut auf den Punkt gebracht: Dass bei rücksichtslosen Radfahrern nicht das Fahrrad, sondern die Rücksichtslosigkeit das Problem sei. Es gibt auch rücksichtslose Wanderer … schwarze Schafe gibt es überall, leider.

Eigentlich ist das wunderbar in Worte gefasst – im § 1 der Straßenverkehrsordnung:

  1. Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
  2. Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Wenn man »am Straßenverkehr« oder »am Verkehr« durch »am gesellschaftlichen Leben« ersetzen würde, könnte das ein Lebensmotto sein, ein sehr gutes sogar.

 

Aber man darf auf Wanderwegen nicht Fahrrad fahren, oder?

Jein – wie in der Stadt (»gemeinsamer Rad- und Fußweg«) gibt es auch draussen Wege, die sowohl als Radroute als auch als Wanderweg ausgeschildert sind. Und dann kommt da noch der Traktor daher, der sowieso scheinbar überall fahren darf … Das gilt nicht für alle Wege, ich bin schon ganz bewusst auch reine Wanderwege gefahren, beim Hochrhöner etwa, der als Wanderweg konzipiert ist, aber eben auch über weite Strecken auf breiten geschotterten Forst- und Feldwegen verläuft. Auf den Abschnitten, die wirklich reine Fußwege waren, hatte ich nie Probleme mit Wanderern, sondern eher mit meiner Fahrtechnik – ich musste absteigen und schieben.

Mit meinem Gravelbike komme ich fast überall hin, wo Wanderer zu Fuß auch hinkommen – warum sollte ich es nicht tun? Ich störe niemanden, tue niemandem weh, habe meist das gleiche Interesse wie diejenigen, denen ich begegne, auch wenn unsere Wahl, was die Art der Fortbewegung angeht, sich unterscheidet. Begegnungen in der Natur sind ganz anders als die in der Stadt: Beim Wandern, beim Graveln, immerzu grüßt man sich gegenseitig – in der Stadt dagegen, wo der Platz beschränkt ist, bedeutet Begegnung meist Konkurrenz um die knappe Ressource »Raum«. Entsprechend aggressiver ist schon die Grundstimmung dort, auch ich bin dagegen nicht immer gefeit. Überspitzt formuliert: Wenn ich hier durch meine Straße laufe, abends an den abgestellten Autos entlang, sehe ich vermutlich mehr Ordnungswidrigkeiten, als auf dem ganzen Mainfrankengraveller möglich wären …

Das ist ja irgendwie der ganze Witz bei diesen Selbstversorgerfahrten: Einerseits möchte man autonom sein, unabhängig, frei – andererseits liebt man die Gesellschaft der Gleichgesinnten, fährt ein Stück zusammen, ist quasi gemeinsam einsam. Und man kehrt zu einer Mahlzeit gerne auch mal in einer eher vollen Wirtschaft ein, statt irgendwo alleine sein Süppchen zu kochen …